Die Mainleite. Eine historische Kulturlandschaft zwischen Weinbau, Verkehr und Naherholung
Thomas Gunzelmann
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
10 Jahre Mainleite Schweinfurt-Schonungen e. V.
Donnerstag, 14. März 2024
Einleitung
Was ist eine Kulturlandschaft
Was ist eine Historische Kulturlandschaft
Warum ist sie wertvoll?
Definition Kulturlandschaft
Kulturlandschaft als Ergebnis der Wechselwirkung zwischen naturräumlichen Gegebenheiten und menschlicher Einflussnahme im Laufe der Geschichte
Unsere gesamte Umwelt, die wir im Rahmen der Ausübung unserer Grunddaseinsfunktionen gestalten: wohnen, arbeiten, ver-/entsorgen, sich erholen, sich bilden, am Verkehr teilnehmen, in Gemeinschaft leben.
Kulturlandschaft hat aber auch geistig-soziale Komponente: es ist der Blick auf eine Welt, der das kulturelle Wirken des Menschen im Raum und dessen materielle Hinterlassenschaften in den Vordergrund stellt
Kulturlandschaft ist aber auch ein soziales Konstrukt: sie entsteht erst (in den Köpfen der Menschen), wenn sie erfasst, erforscht und vermittelt wird
Definition historische Kulturlandschaft
Die historische Kulturlandschaft ist ein Ausschnitt aus der aktuellen Kulturlandschaft, der sehr stark durch historische Elemente und Strukturen geprägt wird
die Elemente sind dann historisch, wenn sie heute nicht mehr in der vorgefundenen Weise neu erstellt würden
Die Historische Kulturlandschaft als Ausschnitt aus der aktuellen Kulturlandschaft. Weinberge werden heute nicht mehr mit Terrassen und Trockenmauern angelegt. Foto: Thomas Büttner
Werte der historischen Kulturlandschaft
historischer Zeugniswert, im Einzelfall auch Denkmalwert: historische Kulturlandschaft als Träger materieller geschichtlicher Überlieferung
Steiler Prallhang des Maines, nach Süden ausgerichtet
nahezu amphitheatralischer Eindruck
3D-Modell der Mainleite, Blick von Süden. GIS-Bearbeitung: Thomas Gunzelmann, Datengrundlage: Laserdaten Bayerische Vermessungsverwaltung, Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY 4.0)
DGM (digitales Geländemodell) Mainleite
DGM Mainleite: Bearbeitung Hermann Kerscher (BLfD) 2015, Datengrundlage: Digitales Geländemodell 1m/5m (DGM) Bayerische Vermessungsverwaltung, Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY 4.0)
Oberhalb der Mainleite befindet sich ein kleiner Steinbruch von Lettenkohlensandstein (Werksandstein kuW)
Material wohl hauptsächlich zum Wegebau verwendet
Verwendung für die Weinbergsmauern scheint jedoch nicht ausgeschlossen
Anzunehmen ist, dass die Sandsteine aus den Steinbrüchen im Höllental und bei Deutschhof gewonnen wurden
Die Muschelkalksteine stammen möglicherweise direkt vor Ort oder aus Hausen
Ausschnitt aus DGM der Mainleite. Hermann Kerscher (BLfD) 2015
Kulturlandschaftsentwicklung
Frühmittelalter
Die Mainleite erscheint heute weit außerhalb der Kernstadt Schweinfurt, schon fast auf dem Land gelegen.
im Frühmittelalter liegt sie jedoch direkt am überregionalen Machtzentrum, das sogar ein Teil des zu betrachtenden Gebietes ist
Schweinfurt 791 erstmals im Codex Edelini des Klosters Weißenburg als „Suuinfurtero marcu“ erwähnt
auf der Peterstirn ist die Burg der Markgrafen von Schweinfurt zu vermuten
Die Mainleite im Zusammenhang mit den mittelalterlichen Siedlungskernen Schweinfurts – Früh-/Hochmittelalter
Topographie Schweinfurt um 1000, Rosenstock 1991, S. 97
Hochmittelalter
markgräfliche Burg nach dem Aufstand von 1003 zunächst in ein Kloster und nach 1263 in eine Burg des Deutschen Ordens umgewandelt
nach 1003 oberhalb dieser Burg, möglicherweise an Stelle eines bestehenden Turms, eine neue Burg (Reichsburg) errichtet, die aber 1259 bereits die „alte Burg“ bezeichnet wird
Die Stadt erhielt 1371 das Recht, von der „Steingrube gen. die Altenburg“ Steine zu brechen
Quelle: Erich Schneider: Die Befestigungsanlagen von Schweinfurt im Mittelalter. In: Schweinfurter Mainleite 2/2003. S. 6
Sogenannte „Alte Reichsburg”, 1852
Die Mainleite im Zusammenhang mit den mittelalterlichen Siedlungskernen Schweinfurts – Spätmittelalter
Peterstirn, „Altstadt“ und Reichsstadt Schweinfurt im 13. Jahrhundert. Zeichnung von Raimund Röthlein nach Angaben von Dr. Dirk Rosenstock, 1992.
Mainleite im Spätmittelalter
mit der Verlagerung des Siedlungsschwerpunkts in die heutige Stadt verliert die Mainleite den direkten Siedlungsanschluss
Der Name „Mainleite“ taucht als Flurname erstmals 1313/37 in Zinsbüchern des Deutschordenshauses als „an der Maunliten“ auf
Die Straße entlang des Maines nach Mainberg wird 1407 als „Mainleitenstraße“ genannt
Mainleite in der Frühen Neuzeit
Zeichnung der Mainleite um 1562, C. H. v. Erthal (Hirsch 1989, 8, Original im Staatsarchiv Würzburg)
Östlicher Teil der Mainleite mit Mainberg
Matthäus Merian:Topographia Franconiae (1656). Main mit Schloss und Dorf Mainberg
Mainleite als Pufferzone der Territorien
Gebiet über die Jahrhunderte oft Schauplatz territorialpolitischer Auseinandersetzungen, da es das Grenzgebiet zwischen der Reichsstadt Schweinfurt und dem Hochstift Würzburg darstellte
Mainleite eine Art Pufferzone und gleichzeitig Brennpunkt der territorialen Konflikte zwischen Schweinfurt und Mainberg als regionales Machtzentrum des Hochstifts dar.
östliches Drittel der Mainleite gehörte zu Würzburg (heute Gem. Schonungen)
Obwohl Karl IV. den an die Mainleite grenzenden Hainwald zusprach, konnte sich die Stadt Schweinfurt nicht behaupten und der Wald wurde schließlich 1562 dem Hochstift Würzburg vertraglich zugesprochen.
Bundschuhkarte 1802 mit Grenzverlauf
Topographische Karte der Reichs-Stadt Schweinfurt, aus: Bundschuh, Johann Kaspar: Beschreibung der Reichsstadt Schweinfurt ein historisch-topographisch-statistischer Versuch. Ulm 1802
Weinbau
Weinbau in Franken und Schweinfurt
Erste urkundliche Nennungen des Weinbaus in Franken 770 in Münnerstadt und Halsheim a. d. Wern, kurz darauf folgen Nennungen in Holzkirchen (775), Klingenberg (776), Hammelburg (777), Würzburg, Eschenbach, Machtilshausen, Erthal, Diebach b. Hammelburg (780)
indirekte Nachweise für Weinbau sogar am Obermain mindestens für das 9. Jahrhundert (Wingardi/Wingarti (Weingarten bei Lichtenfels) und ein dort bestehender vinea (Weinberg))
frühe Nennungen liegen aus heutiger Sicht in der Peripherie des heutigen Weinbaus
Weinberge des Klosters Weißenburg im Elsaß in Schweinfurt (Codex Edelini)
1282 belegt Weingärten der Schweinfurter „in der Altenstetter Marck“ und bei Hilpersdorf, um die Stadt bis zum Kiliansberg bis zur Straße „Alter Wartweg“, bis zur heutigen Geschwister-Scholl-Straße, bis zum Oberen Geldersheimerweg
Aufgrund der allgemeinen Ausbreitung des Weinbaus in Franken schon im Frühmittelalter im Einklang mit der geradezu idealen Lage der Mainleite darf davon ausgegangen werden, dass auch hier schon vor 1000 Weinbau betrieben wurde
Weinbau an der Mainleite
älteste schriftliche Erwähnung an der Mainleite:
für das erste Drittel des 14. Jahrhundert sind Abschriften der Gült- und Zinsbücher des Deutschen Ordens überliefert:
„Die Nidigin git von zwein stukken an der Maunliten daz vierteil. Heinrich der Smiet git von einem II stukke an der Maunliten daz vierteil.“
Friedrich Stein Ludwig Müller: Gült- und Zinsbücher des Deutschordenshauses zu Schweinfurt aus den Jahren 1313 und 1337 nebst einer geschichtlichen Einleitung: „Das deutsche Haus zu Schweinfurt“. In: Archiv des Historischen Vereins von Unterfranken und Aschaffenburg 22,1874, S. 553-700, S. 611
1323 lässt sich Graf Berthold von Henneberg-Schleusingen vom Hochstift Eichstätt Weinberge „an der Meyenleyten“ verleihen
1338 verkaufte Graf Heinrich XI. seinem Vetter dem Grafen Berthold X. von Henneberg drei Äcker Weinwachs an der Mainleite zu Schweinfurt
1437 erwirbt Stadt Schweinfurt das Gebiet um die Peterstirn vom Deutschen Orden
Weinbau im 19. und frühen 20. Jahrhundert
Um 1800 existierten in Schweinfurt noch rund 1165 Morgen Rebflächen (ca. 250–300 ha bei rund 4 Morgen = 1 ha), über 100 Weinbergsleute waren in der Zunft vertreten.
spätestens nach der Mitte des 19. Jahrhunderts zogen sich die Rebflächen aufgrund der Industrialisierung und der damit verbundenen Urbanisierung zurück
aber auch andere Gründe führten in ganz Franken zum Rückgang des Weinbaus
1905 das „Reblausjahr“, das für den Weinbau der Mainleite einen erheblichen Schaden und Ernteeinbruch bedeutete.
weitere Missernten und Zweiter Weltkrieg erschwerten den Weinbau
daher zunächst Übergang auf die klassische Nachfolgekultur Obstbau
Struktur der Anlage
Weinbergsmauern für das 16. Jahrhundert nachgewiesen:
„Vor wenig Jahren seindt die Weinberg, so vnten herab in Mayn ziehen, an etlich Orten mit einer starcken Mauern versetzt gewesen, welche man dafür gehalten, es seyen die statt mauern gewesen und der Mayn jährlichs hinan gefreszen, dasz alle Jahr den Weinbergen, wie noch abgehet, ist gezehrt worden.“
Paul Rosa’s Schrift von der alten und neuen Lage der Stadt Schweinfurt, in: Stein, Friedrich: Monumenta Suinfurtensia historica. Denkmäler der Schweinfurter Geschichte bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts. Schweinfurt 1875, S. 400.
Mainberger Straße unten durch Mauern gesichert
Weg am Rande des Hainwalds an der Hangkante
senkrechte Erschließung durch Treppen, die gleichzeitig als Wasserführungen dienen
auf Uraufnahme alle Nord-Süd verlaufenden Eintragungen Wasserführungen anzusprechen, alle Ost-West verlaufenden als Wege
ein Weinbergshäuschen bereits auf der Erthalkarte von 1562 eingezeichnet
die recht verlässliche Uraufnahme verzeichnet keine Weinbergshäuschen
die ersten fotographisch dokumentierten Weinbergshäuschen zeigen bereits eine Tendenz zur Freizeitnutzung
Weinbergshäuschen auf der Erthalkarte 1562
Weinbergshäuschen um 1920
Bauliche Strukturen im Weinberg: Terrassen
- Mainleite wohl zu keiner Zeit ein reiner Terrassenweinberg
- Terrassen eher nach Einzelentscheidungen der jeweiligen Nutzer angelegt
- sowohl Erdraine als auch Trockenmauern
Bauliche Strukturen im Weinberg: Terrassen
Wenige Terrassen im westlichen Teil der Mainleite
Stärkere Terrassenausbildung im Bereich Ludwigsbrunnen
Bauliche Strukturen im Weinberg: Treppen
Treppen waren die einzige Erschließung neben dem Weg oben an der Hangkante und der Mainberger Straße unten. Sie dienten neben der Erschließung auch dem Wasserabfluss.
zu unterscheiden sind Hangtreppen senkrecht zum Hang an der Parzellengrenzen und Terrassentreppen, meist integriert in die Mauer und damit parallel zum Hang
Hangtreppe in Gebrauch um 1940
Wenige Hangtreppen führen noch heute von unten bis oben
Bauliche Strukturen im Weinberg: Treppen
Terrassentreppe integriert in die Mauer an der Mainberger Straße
Mit abgängigem Erdreich überschwemmte Terrassentreppe
Bauliche Strukturen im Weinberg: Repräsentativer Eingang von der Stadtseite herab
Bereich der alten Burg lag bis 1874 brach
die Schweinfurter Magistratsmitglieder Carl Sattler (1818 - 1883) und Friedrich Herding erwarben das Grundstück
Sattler ließ hier 1871 bis 1873 eine burgähnliche Anlage im Stil des Historismus errichten. Architekt war Jacob Lieblein (aus Schweinfurt, später Frankfurt), nach Aussage eines vom ihm herausgegebenen Lehrbuchs Spezialist für „Baulichkeiten für Kur-und Badeorte, Gebäude für Gesellschaften und Vereine, Baulichkeiten für den Sport, Panoramen, Musikzelte, Aussichtstürme, Bellevuen und Belvedere“
Motive waren damals schon der Bezug auf die historische Bedeutung des Ortes für die Stadtgeschichte und die Stärkung des Weinbaus
Sattler war Liebhaber der Rebkultur, deswegen lassen sich auch die Weinberge an der Peterstirn neben anderen als Musteranlagen bezeichnen.1
seither markiert der „Karlsturm“ von weitem den Auftakt zur Mainleite
Wirtschafts- und Sozialstruktur
rund 300 Einzelparzellen, die bis ca. 1910 von rund 75 Häckern bestockt wurden
3⁄4 Schweinfurter und 1⁄4 Mainberger Einwohner
Wegesperrung in den Weinbergen
Quelle: Schweinfurter Tagblatt. Die Zeitung für die Region Main/Rhön. 10, 2. 1865 10,2, S. 930
Weinlese als Fest
Historische Postkarte Ende 19. Jahrhundert
Weinlese an der Mainleite um 1920. Foto: Unbekannt Quelle: Peter Hofmann: schweinfurtfuehrer.de/Weinlese und Weinberge, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=144164639
Verkehr
Das Maintal bündelte den Verkehr:
auf dem Fluss: Flößerei und Schifffahrt
den überregionalen Verkehr auf der Straße spätestens seit dem Spätmittelalter
seit dem 19. Jahrhundert die Eisenbahn
all diese Verkehrsträger standen am Prallhang der Mainleite in Flächenkonkurrenz mit sich und der Nutzung als Weinberg
Mainberger Straße
Main überschwemmte die heutige Mainberger Straße regelmäßig und mit teils verheerenden Folgen. Sie war für den Gegenverkehr von zwei Fuhrwerken nicht geeignet
Zudem wurde bei Starkregenereignissen das Erdreich von den Weinberg auf die Straße gespült
Bereits 1407 sind Reparaturarbeiten am Mainleitenweg erwähnt.1
Nach dem Hochwasser des Jahres 1784 wurde die Straße 1793 bis 1798 so hergestellt, dass genügend Platz für Gegenverkehr war.
Im Jahr 1807 wurden Teile der Straße und 1820 sogar ein Postwagen durch Erdrutsch in den Main gezogen.
Weg vor dem Ausbau zugleich Straße und Treidelpfad
Neubau der Chaussee 1826 - 1829
Schon eine Regierungsentschließung vom 27. Juni 1822 stellte fest, „daß die Chaussirung der Mainleite allerhöchsten Orts bereits ausgesprochen sei, und wenn die Mittel es erlauben, im nächsten Herbste damit der Anfang gemacht werde.“
im März 1828 forderte eine Ministerialentschließung, „daß der Straßenbau an der Mainleite mit größerer Thätigkeit zu betreiben sei, als bisher“1
Ostern 1829 vollendet
zu Ehren des bayerischen Königs Ludwig I. wurde zum Abschluss der Arbeiten der Ludwigsbrunnen errichtet.
Architekt des turmartiger Brunnen aus Sandstein mit Akroterienbekrönung und Brunnenbecken in einer Rundbogennische war Johann Nepomuk Pertsch (1780-1835)
Inschrift: LVDoVICo prIMo /Laetantes/ et gratI CIVes/ sVInfVrtenses (Ludwig dem Ersten von den erfreuten und dankbaren Bürgern Schweinfurts errichtet)
Chaussee von 1829 mit Ludwigsbrunnen
Andreas Friedrich Kornacher: Straße von Schweinfurt nach Mainberg. Gouache 1830
Würdigung der Chaussee durch Friedrich Rückert
Diese Kunststraß’, hier dem Strom, Dort dem Weinberg abgewonnen, Wo im Zwielicht wie ein Dom Ragend steht der Ludwigsbronnen
Wo ein Wagen sonst mit Noth Auswich einem andern Wagen, Den nur hielt der zähe Koth Nicht in’s Wasser umzuschlagen1
Ludwigsbrunnen 2015. Foto: M. Wittmann
Die Ludwigs-Westbahn (1850-52)
gab es schon Probleme, die Chaussee im engen Bereich zwischen Hangfuß und Fluss unterzubringen, so wiederholte sich die Problematik beim Bau der Eisenbahn
zur Anlage der Bahntrasse musste der Fluss nochmal um 12 Meter nach Süden verdrängt werden
aber schon bald wurde der Blick aus der Eisenbahn auf die Mainleite als positives Element der Strecke gewürdigt (1855)
„Und nun biegt die Bahn an herrlichen Weinbergen und schönen Lustgärten mit freundlichen mitunter prächtigen Gartenhäusern vorüber in den Bahnhof zu zu Schweinfurt ein.“
schon Ende des 18. Jahrhunderts wird die Umgebung der Stadt als Erholungsraum entdeckt
Bundschuh 1802, S. 54: „Die anmuthige Lage der Stadt am Mayn erhöhet nicht nur überhaupt die äußerst fruchtbare mit Getreidefeld, Weinbergen, Gärten und Wiesen abwechselnde Gegend, sondern auch die eigends dazu angelegte Menge von Spaziergängen geben ihr noch einen besonderen Reiz und machen den Aufenthalt daselbst angenehm.“
S. 56 „Auf diesen Ruinen geniesset das Aug einer entzückenden Aussicht auf viele Meilen in die Ferne.“
Bundschuh bindet die Landschaftsmaler Conrad Geiger (1751-1808), damals Schweinfurt und Ambrosius Gabler, Nürnberg (1762-1834), um die Aussicht von der Mainleite bekannter zu machen.
Stadt- und Umgebungsführer führen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Mainleite als Ausflugsziel andere
Wertschätzung der Kulturlandschaft Mainleite durch Friedrich Rückert
Wenn nicht diese Berge wären, wäre nicht der Fluss so schön. Und nur, weil sie sich verklären in dem Fluss, sind schön die Höh’n
Weil sich mit dem Main der Weinberg Mit dem Weinberg schmückt der Main, Darum heißt die Stelle Mainberg Schönster Berg- und Stromverein.
Ob erhoben seinen Steinwein Würzburg über’n Rheinwein hat, Mir gewürzter wächst der Mainwein Zwischen Mainberg und der Stadt.
Gedichte von Friedrich Rückert. Auswahl des Verfassers. 15. Auflage. Frankfurt a. Main 1868. Zweiter Strauß 1-17, Der Brief an die Mutter S. 507-514
Blick vom Beerhüterturm über die Mainleite. Foto: Thomas Gunzelmann
Einrichtung der Landschaft zur Erholung: Aussichtspunkte
schon früh war die Aussicht neben dem Wein der wesentliche Anreiz, die Mainleite zu besuchen
Aussichtspunkte waren zunächst provisorisch, ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden bauliche Einrichtungen zur Aussicht
Der Schindturm, Aussichtsturm von 1892 westlich der Mainleite zwischen Höllental und Lettenleite (historische Postkarte)
Schindturm nach dem Zweiten Weltkrieg (Sammlung Edgar Kolb)
Beerhüterturm
Aufstieg zum Beerhüterturm aus dem Halsgraben der Burg. Foto: M. Wittmann
Beerhüterturm, quadratischer Hausteinmauerkwerksbau, neugotisch, 2. Hälfte 19. Jh., Foto: M. Wittmann
Spaziergänge und Wanderwege
Kleiner Führer durch Schweinfurt am Main und Umgebung (1891) empfiehlt den Weg von Schweinfurt über die Peterstirn und die Mainleite nach Mainberg
Verein für Hebung des Fremdenverkehrs zu Schweinfurt (Hg.): Führer durch Schweinfurt, Schweinfurt 1913: Route Peterstirn – Wilhelmsruhe – Dianenslust – Schloss Mainberg
„Verfolgt man den Weg weiter aufwärts, so gelangt man in wenigen Minuten auf die Höhe des Bergrückens, von der sich ein anmutiges Landschaftsbild den Blicken aufrollt. Von hier aus empfiehlt es sich zunächst, den westlich gelegenen Aussichtssturm zu besuchen und dann am Waldessaum weiter vorzugehen zur Wilhelmsruhe, einem mit Schutzhäuschen und Bänken versehenen Platze und unvergleichlich schönem Ausblicke.“
heutiger Weg (zur Bismarckhöhe/Jägerpfad) auf der Uraufnahme als Erschließungsweg für die Weinberge bereits vorhanden
Öffentliche Ausflugswirtschaften
Gaststätte „Zum schwarzen Adler“ in Mainberg
seit 1913 Bismarckhöhe auf halbem Wege
Café Bismarkhöhe 1913
Inserat der Bismarkhöhe von Besitzer Georg Schleicher
Bismarckhöhe nach 1928
Bismarckhöhe unter Pächter Robert Jakob. Ausschank aufgegeben 1954
Fichtelsches Weinbergshaus – zwischen privater und öffentlicher Freizeitnutzung
Das Fichtelsche Weinberghaus von Westen,1914
Übergang von der wirtschaftlichen Nutzung der Weinberge zum Erholungsraum Weinberg
Landschaftswandel und heutiger Bestand
Rahmenbedingungen für die aktuelle Kulturlandschaft
keine Flurbereinigung, so dass die historische Parzellenstruktur bis heute weitgehend erhalten ist
Wegenetz der Mainleite ist kartografisch seit der Mitte des 16. Jahrhunderts belegt und weitgehend erhalten
historische Nutzung als Weinberg im Westen, sonst nur in geringen Relikten erhalten
bauliche Elemente in Teilen erhaltenen
Aufgabe der Rebflächen führte zu Verbuschung und Aufwaldung
kleinteiliger Privatbesitz führt zu baulicher Verdichtung ehemals unbebauter Flächen
Gesamtzustand um 1910
Gesamtzustand um 1950
Geringer Landschaftswandel im dritten Drittel des 20. Jahrhunderts
1951
1961
1962
1977
Kulturlandschaftsinventarisation von 2015
Heutiger Bestand: Terrassen
Terrassenmauern
Doppelte Stützmauer an der Chaussee
Mauerwerk Typ 1, Sandstein, feine Fugen, Abdeckplatte
Trockenmauer im Bereich des oberen, östlichen Fußweges
Trockenmauer den Treppenweg vom oberen zum unteren Fußweg flankierend
Terrassenplätze
Inschriftsteine
Älteste bekannte Inschrift: MRB 1756
ALLES KOMBT VON GOTT GLÜCK UND UNGLÜCK LEBEN UND TOD ARMUT UND REICHTUM SIR AM 11 CAP AHN GOTTES SEGEN IST ALLES GELEGEN RENOVIERT 1805 J. F. Scheich
links: Karl Reininger 1801 rechts: (wer mag) für mich wer mag wider mich sein – P. C. Schmidt Anno J. 180? den 1.ten marz
Auch noch im 20. Jahrhundert Inschriften: Nic. Kupfer 1951
Zukunft der Mainleite – Probleme und Chancen
Landschaftsschutzgebiet
Die Mainleite ist seit 1956 ein ausgewiesenes Landschaftsschutzgebiet (662.01, Anordnung vom 7.4.1965 und Pressemitteilung vom 5.5.1956 im „Amtsblatt für den Stadt- und Landkreis Schweinfurt“).
Liste des Bayerischen Landsamtes für Umwelt besitzt die Mainleite die Nummer „LSG 00075.01“ mit einer Fläche von 40,89 ha.
Kurzbeschreibung: Schutzgebietsbezeichnung „Naturraum Hesselbacher Waldland (139), Mainleite (678.04 und 662.01) lautet „stark ausgeprägte Maintalhänge mit aufgelassenen Weinbergen und Gehölzsukzessionen unterschiedlicher Stadien (Teilfläche im Landkreis Schweinfurt)“.
schützt Gehölzsukzessionen, nicht zielführend für die Kulturlandschaft, aber auch nicht für die Artenvielfalt
ermöglicht eventuell steuernde Eingriffe
konnte Zersiedlung nicht verhindern
Denkmalschutz
Auszug aus der Bayerischen Denkmalliste für die Mainleite. Abgerufen: 12.03.24
- Lediglich einige wenige Einzelelemente, neben Ludwigsbrunnen vor allem die Chausseemauer bisher als Einzeldenkmal eingetragen
- Flächiger Kulturlandschaftsschutz mit BayDschG problematisch
Zersiedlung
Schwarzplan Gebäude zwischen Schweinfurt und Mainberg
Qualitäten
Einzigartige Kulturlandschaft in Franken (und damit auch Bayern)
Hoher Anteil an originaler Substanz
Hohe und komplexe historische Aussagefähigkeit
Hohes Potential für die regionale Identität
Hohes Potential für das „place branding“
Wege für die Zukunft
Schutz, Pflege und Entwicklung von Kulturlandschaften nur mit unterschiedlichen Akteuren möglich
Es wäre ein coregulativer Ansatz erforderlich, bei dem einerseits die staatlichen und kommunalen Institutionen, andererseits aber auch die Eigentümer und Bürgergesellschaft mitwirken
Bürgergesellschaft über den Verein Mainleite Schweinfurt-Schonungen bereits positioniert
Bündelung der Akteure über ein informelles Entwicklungskonzept möglich (z.B. Kommunales Denkmalkonzept Kulturlandschaft Mainleite)