Gemeinsam das Beste finden – das Kommunale Denkmalkonzept (KDK) in Bayern
Thomas Gunzelmann
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
Hamburger Städtebauseminar
Mittwoch, 12. April 2023
Das Kommunale Denkmalkonzept (KDK) – Idee und Entwicklung
Situation Denkmalpflege und Planung in Deutschland
Staatliche Denkmalpflege: überwiegend administrative und reaktive Rolle im Bau- und Umbaugeschehen
Denkmalpflege von sich aus aktiv: Erstellung von Denkmalverzeichnisse oder Denkmallisten, Erarbeitung der Denkmalinventare und Denkmaltopographien
Denkmalpflege im Rahmen von Stadtentwicklungsprozessen: eher reaktive Position
* Ausnahme: Denkmalpflegeplan in manchen Bundesländern (zu diskutieren)
Denkmalpflegeplan
Verankert im Denkmalschutzgesetz
In Nordrhein-Westfalen und Hamburg sowie nach 1989 auch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Berlin
Denkmalpflegeplan Hamburg: Beispiel Gartenstadtsiedlung Berne 2012-2018
Erarbeitet durch WEGENERARCHITEKTEN BDA, Neustadt Holstein mit Gartenstadt Hamburg e.G. und dem Denkmalschutzamt
Band 1: baugeschichtliche Dokumentation und detaillierte Bestandserfassung
Band 2: umfangreiche Richtlinien für eine denkmalgerechte Entwicklung der Siedlung unter Berücksichtigung aktueller und und zukunftsorientierter Nutzungsanforderungen.
Denkmalpflegeplan Hamburg: Beispiel Gartenstadtsiedlung Berne
In der Praxis zumeist ein regulativer Ansatz des Denkmalpflegeplans
Möglichkeiten des Instrumentes „bei weitem nicht ausgelotet“
geringe Neigung der Kommunen, sich selbst mit vermeintlich restriktiven Instrumentarien in der eigenen Stadtentwicklung zu behindern
Die Situation in Bayern: Vorgeschichte in Bayern
Seit dem Ende der 1980er Jahre hat das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege informelle Ansätze in der städtebauliche Denkmalpflege verfolgt
Wir sehen Dörfer und Städte als ein komplexes Gefüge von baulichen, städtebaulichen, landschaftlichen, ganz allgemein räumlichen Strukturen als Ergebnis historischer politischer, wirtschaftlicher, sozialer und religiöser Prozesse
Mittlerweile etwa 1050 Dörfer und 70 Städte (weit überwiegend Kleinstädte und Märkte) bearbeitet.
Der Ursprung: „Denkmalpflegerischer Erhebungsbogen zur Dorferneuerung“
Aufbau des denkmalpflegerischen Erhebungsbogens
Denkmalpflegerische Erhebungsbögen in Bayern seit 1987
Inhalt des „Denkmalpflegerischen Erhebungsbogens zur Dorferneuerung (DEB)“
Die Werte des historischen Dorfs in Text, Bild und Karten: Beispiel: Prosselsheim, Lkr. Würzburg, Ausarbeitung. Dr. Thomas Büttner
Beispiel eines DEB – Altershausen
Altershausen, Stadt Königsberg i. Bayern, Lkr. Haßberge (Thomas Gunzelmann 1993, retrodigitalisiert)
Standardisierung – Denkmalwerte
BLfD, Musterlegende städtebaulich-denkmalpflegerische Untersuchungen in Bayern
KDK – Überlegungen
Seit 2015 sollten Prozesse der aktuellen Stadtentwicklung stärker mit denen der Bewahrung des kulturellen Erbes zusammengedacht werden, und dies unter möglichst umfassender Beteiligung der Bürger.
Am Ende dieser Überlegungen stand das Projekt „Kommunales Denkmalkonzept (KDK)“.
Aufbau des Kommunalen Denkmalkonzepts
Grundlegende Struktur des Kommunalen Denkmalkonzepts (KDK). Entwurf: Thomas Gunzelmann, Grafik: Anna Hitthaler/Lisa Schuylenburg
Thematische und räumliche Anpassung des KDKs an die spezifischen Herausforderungen der Kommune
Ausprägungen des Kommunalen Denkmalkonzepts
KDK im Verbund informeller Entwicklungsplanungen
Städtebauförderung, Ländliche Entwicklung und Denkmalfachbehörde als vernetzter Träger von Ortsentwicklungsplanungen in Bayern. Entwurf: Thomas Gunzelmann, Grafik: Lisa Schuylenburg
Akteure des Kommunalen Denkmalkonzepts. Entwurf und Grafik: Thomas Gunzelmann
Hauptmerkmale des kommunalen Denkmalkonzepts (KDK)
Die Grundmerkmale des KDKs folgen einer „5-P-Regel“.
Prozess
Personen (people)
Partizipation
Projekte
Praxis
Modul 1 – Überblick
Erarbeitung: Büro Reichert, Stadt und Denkmalpflege, Bamberg
Das Modul 1 dokumentiert und bewertet den baulichen und städtebaulichen Bestand eines historischen Ortskerns oder eines Quartiers
Es benennt in Text, Bild und Karte die Denkmalwerte im weitesten Sinn und vermittelt sie.
Ergebnisse Modul 1 – Fotodokumentation – Katalog der Denkmalwerte
Raumsituationen mit historischer Bedeutung
Kirchplatz in Münchberg: aktuelle Situation. Fotos: Büro Reichert, Stadt und Denkmalpflege, Bamberg
Kirchplatz in Münchberg: historische Situation. Fotos: Slg. Foerster/Stadtarchiv Münchberg
Bauten mit historischer Bedeutung
Beispiel eingetragenes Baudenkmal. Erarbeitung: Büro Reichert, Stadt und Denkmalpflege, Bamberg
Beispiel erhaltenswerter, ortsbildprägender Bau. Erarbeitung: Büro Reichert, Stadt und Denkmalpflege, Bamberg
Baudetails mit historischer Bedeutung
Historische Türen. Erarbeitung: Büro Reichert, Stadt und Denkmalpflege, Bamberg
Historische Außentreppen. Erarbeitung: Büro Reichert, Stadt und Denkmalpflege, Bamberg
Ergebnisse Modul 1 – Karte
Qualitäten oder Stärken aus Sicht des städtebaulichen Erbes: die Karte der denkmalpflegerischen Interessen. Erarbeitung: Büro Reichert, Stadt und Denkmalpflege, Bamberg
Modul 2 – Überblick
Erarbeitung des Handlungsbedarfs aus städtebaulich-denkmalpflegerischer Sicht.
Entwicklung von Leitlinien und Zielen für die Erhaltung und Entwicklung von Denkmalwerten
Entwicklung von Schwerpunkten und Maßnahmen
Moderation des Prozesses unter Beteiligung der wichtigsten Akteure
Einbindung der Öffentlichkeit
Modul 2 A – Handlungsbedarf aus städtebaulich-denkmalpflegerischer Sicht
Einstieg:
„SWOT-Analyse”: Analyse der Stärken, Schwächen, Möglichkeiten und Gefährdungen
Modul 2 A – Schwächen
Strukturmodell der Schwachstellen des historischen Siedlungskerns in Bezug auf den Denkmalwert. Entwurf: Thomas Gunzelmann, Grafik: Lisa Schuylenburg
Modul 2 A – Erhaltungszustand (Sanierungsbedarf) – Gebäudeebene
Renovierungsbedürftige oder baufällige Gebäude – Beispiel KDK Ostheim v. d. Rhön. Fotos: Büro Wegner, Stadtplanung, Veitshöchheim
Modul 2 A – Funktionale Schwächen – Städtebauliche Ebene
Modul 2 A – Strukturelle Schwächen – Städtebauliche Ebene (2)
Abriss eines ganzen Viertels im historischen Stadtzentrum. Luftbild: Klaus Leidorf
Modul 2 A – „Schwächenplan“
„Plan des Handlungsbedarfs aus städtebaulich-denkmalpflegerischer Sicht“ für Marktzeuln. Erarbeitung: Büro Reichert, Stadt und Denkmalpflege, Bamberg/ Büro RSP, Architektur und Stadtplanung, Bayreuth
Modul 2 B – Analyse der Rahmenbedingungen (1)
Wirtschaftliche, sozialräumliche und demografische Situation der Gemeinde
Kommunale Planungshoheit
Formale Planung
Flächennutzungsplan und Bebauungsplan
Kommunale Gesetzgebung: Gestaltungssatzung oder Erhaltungssatzung
Moderation und Mediation von Bürgerbeteiligungsprozessen bei Planung und Umsetzung
Finanzielle und technische Unterstützung für Machbarkeitsstudien, städtebauliche Nutzungsstudien, denkmalpflegerische Voruntersuchungen
Aufstellung eines Beratungsfonds für Denkmalobjekte
Erarbeitung von Exposés mit Aufmaß und Nutzungskonzepten für leerstehende Objekte mit veräußerungsbereiten Eigentümern
Unterstützung bei der Vermittlung von Denkmalwerten zur Stärkung der lokalen Identität (Führungen, Ortsrundwege, Ausstellungen, Apps etc)
Workshops zur Fortbildung von Denkmaleigentümern und Interessierten
Und vieles mehr…
Modul 3 – Machbarkeitsstudie für die neue Nutzung eines denkmalgeschützten oder schützenswerten Gebäudes
Verformungsgerechtes analytisches Gebäudeaufmaß
Tragwerksgutachten nach den Richtlinien des BLfD mit Schadenskartierung
Restauratorische Untersuchung und bauhistorische Analyse (Baualterspläne)
Fotodokumentation
Erarbeitung eines nachhaltigen Nutzungskonzeptes gemeinsam mit den lokalen Akteuren der Ortsentwicklung im Sinne einer „Planungswerkstatt” unter Einbeziehung des städtischen Umfeldes
Beteiligung der interessierten Akteure vor Ort
Entwicklung von Nutzungsvarianten und deren Priorisierung
Historisch gewachsene und eventuell neu zu entwickelnde Strukturen können in einer sinnvollen Kombination vorgeschlagen werden
Kostenkalkulation
Modul 3 – Verformungsgerechtes analytisches Gebäudeaufmaß
KDK Mainbernheim Modul 3 – Herrnstraße 35 und 37 – Nutzungskonzept als Volumenmodell. Erarbeitung: Schlicht Lamprecht Kern Architekten, Schweinfurt
Modul 3 – Nutzungskonzept
KDK Mainbernheim Modul 3 – Herrnstraße 35 und 37 – Nutzungskonzept für die Erdgeschossebene. Erarbeitung: Schlicht Lamprecht Kern Architekten, Schweinfurt
Beispiele
Das KDK Ostheim v.d.Rhön – Die Kommune agiert für die Bürger
Gebietsbezogen: Stadtkern einer Kleinstadt
Hohes Engagement der Kommune und einzelner Bauherren
Das Interkommunale Denkmalkonzept Oberes Werntal/Werntal-Dorf (IKDK) – Aus Erfassung und Vermittlung entstehen Angebote für Bürger
Thematisch: Nur historische Bausubstanz in privaten Eigentum
Zusammenarbeit zweier Fördergeber
Das KDK Fichtelberg – Wenig Hoffnung, aber viele Ideen
Denkmalkonzept erstreckt sich über 10 Gemeinden mit 46 Ortsteilen
Veranwortlich ist die ILE (Interkommunale) Allianz Oberes Werntal
Das Projekt fördern zugleich das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) für Unterfranken und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD). Das ALE übernimmt nach der Vorbereitungsphase der beiden Module 1 und 2 Förderungen der erhaltenswerten Bausubstanz, das BLfD versucht die Sanierung von besonders dringlichen Denkmalobjekten zu aktivieren.
Teilnehmer der Vorstellung von Modul 2. Foto: Thomas Gunzelmann
IKDK Oberes Werntal/Werntal-Dorf
Ergebnisse Modul 1. Erarbeitung: Büro Reichert, Stadt und Denkmalpflege, Bamberg, Dr. Sabine Fechter, Faldungen, architektur + ingenieurbüro perleth, Schweinfurt