Thomas Gunzelmann
Ausbildung zum KLOSTERLANDSCHAFTSFÜHRER im Projekt „Vielfalt in der Einheit – Zisterziensische Klosterlandschaften in Mitteleuropa”
Freitag, 26. Oktober 2018
Immaterielles Kulturerbe kulturelle Ausdrucksformen, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen werden: Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten (UNESCO) – allerdings auch die dazugehörigen Artefakte
Materielles Kulturerbe
immobil: Bau- und Bodendenkmale, aber auch Kulturlandschaft (letztere nicht allein Werk des Menschen, sondern auch der Natur) mobil: gegenständliche Erzeugnisse der Kunst, aber auch der weiteren Kultur
Kulturlandschaft als Ergebnis der Wechselwirkung zwischen naturräumlichen Gegebenheiten und menschlicher Einflussnahme im Laufe der Geschichte.
Auffassung von Landschaft, die das im allerweitesten Sinne kulturelle Wirken des Menschen im Raum und die dabei entstandenen materiellen Hinterlassenschaften in den Vordergrund stellt
Wertvoll im Sinne des kulturellen Erbes allgemein und der Denkmalpflege im Besonderen wird sie dann, wenn sie „sehr stark durch historische, archäologische, kunsthistorische oder kulturhistorische Elemente und Strukturen geprägt wird.”
komplexe historische Schichtungen, die im denkmalpflegerischen Sinne auch substanzbestimmt sind, wenngleich diese Substanz nur in wenigen Fällen aus baulichen Anlagen besteht, in größerem Maße dagegen aus landschaftlichen Elementen, seien sie biotisch oder abiotisch
Vereinfachung eines kaum vollumfänglich analysierbaren und beschreibbaren dynamischen Zustands
Zur Vereinfachung des komplexen Konstrukts bietet sich das Konzept der Dominantenlandschaften an
Eine Klosterlandschaft ist eine Kulturlandschaft, die durch den dominanten Faktor des Kloster geprägt wird
Eine solche Klosterlandschaft entsteht erst, wenn sie erfasst, erforscht und vermittelt wird.
Ihre materiellen Grundlagen sind zwar existent, werden aber erst durch den Diskurs über sie zu einem verhandelbaren Konstrukt.
Lage des Klosters Ebrach. Foto: Thomas Büttner
Lage des Klosters Plasy (Plaß) im Tal der Střela (Schnella). Kartengrundlage: Open Topo Map
Lage des Klosters Langheim im Tal der Leuchse, einem Seitenbach des Obermains. Kartengrundlage: Open Topo Map
Altstraßen – Fernverbindungen um Ebrach. Kartengrundlage: Positionsblatt © Bayerische Vermessungsverwaltung
Vor allem in den altbesiedelten Gebieten wurde die Einsamkeit erst durch die Auflösung von Siedlungen hergestellt: Zisterzienisches Bauernlegen
Hier fehlt noch Karte
Beispiel Wüstungen um Langheim
Lage der fränkischen Zisterzen in Grenzregionen größerer Territorien
Lage von Morimond. Die Primarabtei lag an der Grenze zwischen Frankreich und dem Heiligen römischen Reich und an den Grenzen der drei Bistümer Langres, Besancon und Toul. Dort hieß es, dass die Mönche in Lothringen speisten und in der Champagne schliefen. (Dubois 1855, S. 22)Karte: Christophe Wissemberg, 2018
Die Generalstatuten legen fest, dass die Zisterzienser von ihrer eigenen Hände Arbeit zu leben haben:
„Woher die Mönche ihren Lebensunterhalt nehmen: Die Mönche unseres Ordens müssen von ihrer Hände Arbeit, Ackerbau und Viehzucht leben. Daher dürfen wir zum eigenen Gebrauch besitzen: Gewässer, Wälder, Weinberge, Wiesen, Äcker abseits der Siedlungen der Weltleute, sowie Tiere. Zur Bewirtschaftung können wir nahe oder ferner beim Kloster Höfe haben, die von Konversen beaufsichtigt und verwaltet werden.“
(Statuta capitulorum generalium ordinis Cisterciensis (Bestimmung des Generalkapitels von 1134), Kap. 15)
Ordensverfassung strebte eine „unitas ordinis” an, also eine große Einheitlichkeit in den Lebensformen der einzelnen Abteien, sowohl im geistlichen als auch im weltlichen Leben.
Sicherung durch das patriarchalische Filiationssystem mit Aufsichtspflicht des Abtes des Mutterklosters über das Tochterkloster und dem jährlichen Generalkapitel in Cîteaux.
Daher Ausbreitung eines speziellen Typus zisterziensischer Raumprägung über ganz Europa.
Trotz aller naturräumlichen und kulturellen Unterschiede schimmert die einheitliche Grundstruktur durch – und das bis heute, selbst wenn die ehemals landschaftsprägenden Abteien schon seit Jahrhunderten aufgehoben sind.
Keine geschlossene und leicht abgrenzbare Kulturlandschaft, muss erst erfasst und interpretiert werden.
Grundelemente treten in einer hohen Dichte im näheren Umkreis des Klosters auf, nehmen mit zunehmender Entfernung ab und vermischen sich dort mit kulturlandschaftlichen Strukturen anderer Herrschaftsträger. Einzelne Elemente können wie Satelliten in großer Entfernung vom Kloster liegen, häufig ist das bei Weinbauhöfen so.
Morimond breitete sich überwiegend nach Osten aus. Karte: Thomas Gunzelmann, Dateneingabe: Johanna Kemmler

Erste symbolhafte Darstellung einer zisterziensischen Klosterlandschaft
Die Darstellung des Umritts im Stifterbuch aus dem frühen 14. Jahrhundert zeigt in Medaillons fünf Wirtschaftshöfe des Klosters:
Dürnhof („Macra Curia”), Ratschenhof („Retschen Grangia”), Edelhof („Erleich Grangia”), Pötzles („Petzleins”) und Gaisruck („Gaizrukk”).
Grangien um Kloster Zwettl. Karte: © Arbeitsgemeinschaft Haslach & Ruhland 2018
Grangien um Kloster Plasy. Kartierung: Elisabeth Maßuthe, 2018






Die Blockflur der Grangie Koblhof hebt sich im Lufbild deutlich von der Streifenflur des benachbarten, bäuerlich strukturierten Angerdorfes Rudmanns ab


Der Fischhof des Klosters Waldsassen im Oberen Stadtweiher in Tirschenreuth. Foto: Thomas Gunzelmann
der Fluss nämlich durchschneidet die Mitte des Tales in einem gewundenen Bett, das nicht von der Natur aus so ist, sondern das der Fleiß der Brüder geschaffen hat. Das halbe Wasser entsendet er der Abtei […]. Wenn er aber eingelassen ist, soweit die Mauer nach Art eines Pförtners dies gestattet, macht er zuerst einen Anlauf auf die Mühle, wo er gar sehr geschäftig ist und sich um vielerlei sorgt. Durch der Mühlsteine Wucht zerreißt er das Korn, und durch ein feines Sieb sondert er das Mehl von der Kleie. Dann füllt er schon im nahen Hause den Kessel und lässt sich auf dem Feuer kochen, um den Brüdern einen Trank zu bereiten, […]. Aber damit ist er noch nicht fertig. Die Walker, die nahe der Mühle sind, laden ihn zu sich und verlangen mit Fug und Recht, dass, wie er sich in der Mühle um das Essen der Brüder gekümmert hat, er sich bei ihnen sorge, dass sie etwas zum Anziehen hätten. […] Dann wird er von der Gerberei aufgenommen, wo er für die Herstellung dessen, was die Brüder für ihr Schuhwerk brauchen, seine emsige Arbeit anbietet. Dann durchsucht er in kleinen Gerinnseln, in viele kleine Arme sich aufteilend, in emsigem Lauf die einzelnen Werkstätten und sieht überall nach, ob etwas seiner Arbeit bedürfe. Ohne Widerspruch bietet er seine Dienste an, sei es zum Kochen, Sieben, Drehen, Bewässern, Reiben, Putzen, Waschen, Mahlen, Einweichen, und zu guter Letzt, damit ihm für den Dank nicht irgendetwas fehle oder seine Arbeit irgendwie noch unvollkommen sei, trägt er allen Unrat mit sich und lässt alles sauber zurück, und hat er die Arbeit, zu der er gekommen war, ausgeführt, so eilt er in schnellem Lauf zum Flusse zurück.
Descriptio positionis seu situationis monasterii Claraevallensis, übersetzt bei Kolumban Spahr, Beschreibung von Clairvaux im 13. Jahrhundert, in: Cistercienserchronik 68 (1961), S. 53–64, hier S. 59f.; zit. nach Rüffer, Jens: Funktionalität und Spiritualität. Die Wasserversorgung bei den Zisterziensern. In: Gerlinde Huber-Rebenich, Christian Rohr und Michael Stolz (Hrsg.): Wasser in der mittelalterlichen Kultur / Water in Medieval Culture: Gebrauch – Wahrnehmung – Symbolik / Uses, Perceptions, and Symbolism, S. 242-254. Berlin, Boston 2017. https://doi.org/10.1515/9783110437430-017




In Rein wurde vermutlich im Zeitraum von 1147 bis 1211 ein etwa 110 m langer Stollen durch den am Kloster liegenden Ulrichsberg gegraben, um Wasser aus dem benachbarten Mühlbachgraben zum Stift zu leiten.

„Die Speisen sollen im Kloster immer und überall fleisch- und fettlos sein, außer für die Schwerkranken und herbeigezogene Handwerker.” (Summa Cartae Caritatis 13,2)






Teichwirtschaft des Klosters Plasy. Existierende und abgegangene Teiche. Karte: Elisabeth Maßuthe




Morimond, Ehemalige Weinberge der Domaine des Gouttes-Hautes

Ehemals ebrachische Weinberge neben dem Ebracher Hof in Mainstockheim.
Der Steinfeldhof, ehem. Weinbauhof des Stifts Rein in Weikersdorf


Das Reihendorf Münchenreuth mit hofanschließender Breitstreifenflur (Waldhufendorf) in seiner Rodungsinsel mit der Kappel, wohl eine Gründung des Klosters Waldsassen. Luftbild: Thomas Büttner
Das Rundangerdorf Matzersreuth mit hofanschließender, radialer Breitstreifenflur. Dieser Typ wurde wohl auch von Waldsassen zur Erschließung des nördlichen Oberpfälzer Waldes gefördert. Luftbild: © Bayerische Vermessungsverwaltung
Auch wenn die hochmittelalterliche Siedlungsleistung der Zisterzienser oft überschätzt wurde, so spricht doch manches dafür, dass Kloster Langheim in den 1187 vom Bamberger Bischof übereigneten Gebieten „nemus Winthagin“ und „solitudine Tuschice“ im Frankenwald Siedlungen anlegen ließ. Karte: Thomas Gunzelmann auf Basis Open Topo Map
Die hochmittelalterlichen Rodungssiedlungen als Straßenanger- oder Rundangerdörfer mit Breitstreifenfluren sind noch heute in ihren Grundstrukturen erhalten. Luftbild: © Bayerische Vermessungsverwaltung
Das hufeisenförmige Rundangerdorf Rappoltengrün ist wohl nach dem zweiten Abt Langheims, Rapoto (1181-1207) benannt. Uraufnahme © Bayerische Vermessungsverwaltung
Das Kloster Plasy „kolonisierte“ zumindest teilweise in seiner näheren Umgebung. Karte: Elisabeth Maßuthe
Umfangreicher Waldbesitz war oft die direkte Folge der zur Gründungszeit möglichst abgelegenen Klosterstandorter der Zisterzen, hier am Beispiel Plasy. Karte: Elisabeth Maßuthe
Die Klosterwälder von Ebrach umgeben das Kloster direkt und bilden die Basis des heute staatlichen Forstes. Karte: Thomas Büttner
Gewerbestandorte um Kloster Plasy. Karte: Elisabeth Maßuthe


Mühle bei Münichhof, Stift Rein. Foto: Elisabeth Maßuthe
Neuer Ebracher Hof in Bamberg Foto: Gemeinfrei, 2009
Langheimer Hof Kulmbach. Luftbildarchiv BLfD, Klaus Leidorf




Die frühen, bewusst abseits gelegenen und in ihren Bauformen schlichten Klosteranlagen der Zisterzienser mit ihrem Verzicht auf weithin sichtbare Kirchtürme waren zunächst wenig landschaftswirksam.
Zeichenhaft waren sie dennoch: sie sollten Gebet, Askese und eigene Arbeit darstellen.
Schon im Spätmittelalter wandelten sich die Zisterzienser trotz ihrer früheren Ablehnung seelsorgerischer Betätigung zu wesentlichen Trägern der Wallfahrtsidee
Mit der Gegenreformation verankerten sie verstärkt Symbole des „wahren“ Glaubens in der Landschaft.
Wallfahrtskirche Maria Straßengel, Stift Rein als eine der ältesten zisterziensischen Wallfahrtskirchen. Foto:
Der barocke Turm der Stiftskirche Zwettl „verlässt“ das Tal. Foto: Hansjörg Haslach


Wallfahrtskirche Kappl: 1685-89 errichtet, exponiert mit großer Fernwirkung auf dem Glasberg bei Waldsassen. Foto: Luftbildarchiv BLfD, Klaus Leidorf, Nr. 5938_010_8068_11
Mit der barocken Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen setzt Kloster Langheim einen Kontrapunkt zu Kloster Banz über das Maintal hinweg. Foto: Thomas Gunzelmann 1996