Einleitung
Vielleicht schon länger als in anderen benachbarten kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen1 kann man in der Denkmalpflege so etwas wie einen spatial turn ausmachen. Dies konnte auch daher leichter fallen, weil der Bezug des Denkmals zu seinem Ort, zu dem ihn umgebenden Raum schon immer ein elementarer Bestandteil des Denkmalbegriffs war.
1 Zum Phänomen des spatial turn in der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Urbanistik, der Literaturwissenschaft, der Kunstwissenschaft und den Kulturwissenschaften vgl. den Sammelband (Döring, Jörg/Thielmann, Tristan: Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008).
2 Breuer, Tilmann: Ensemble – Konzeption und Problematik eines Begriffes des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes, In: Denkmal - Werte - Gesellschaft, (1993), S. 170–202; Lübbeke, Wolfram: Ensemblegrenzen, In: Jahrbuch der bayerischen Denkmalpflege, 45 (1999), S. 203–219.
3 Breuer, Tilmann: Denkmäler und Denkmallandschaften als Erscheinungsformen des Geschichtlichen, In: Jahrbuch der bayerischen Denkmalpflege, 40 (1989), S. 350–370; Breuer, Tilmann: Land-Denkmale, In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege, (1979), S. 11–24.
Spätestens mit den theoretischen und praktischen Überlegungen zum Ensemblebegriff,2 vor allem aber zur Denkmallandschaft3 in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts lässt sich sich unzweifelhaft eine Hinwendung zur Kategorie des Raumes als Bestandteil des Denkmalbegriffs und der Denkmalwerte feststellen. Seither vergingen nur wenige Tagungen der Landesdenkmalpfleger, aber auch der Denkmalpfleger in Forschung und Lehre, auf denen das Verhältnis des Denkmals zur Stadt und zur Kulturlandschaft nicht thematisiert, Stadt und Kulturlandschaft nicht selbst als Denkmal zur Diskussion gestellt worden wären.
In der eigentlichen Alltagspraxis hatte dies geringere Wirkungen. Immerhin ist man hier allerorten dabei, Denkmale georeferenziert und damit in ihrer Lage im Raum darzustellen, was frühere Denkmallisten meist versäumt und die Denkmaltopographie seit den 1980er Jahren nur in wenigen Fällen konsequent versucht hatte.
Umso mehr ist dieser spatial turn dort spürbar, wo man sich mit den Fragen der Fortschreibung der hergebrachten Denkmalwerte auseinandersetzt. Nicht umsonst beschäftigt sich das Teilprojekt A unseres Projektes „Verbundprojekt Denkmal – Werte – Dialog“ unter dem methodischen Ansatz der „Kulturlandschaft als Palimpsest“ mit materiellen Zeugnissen in ihrer räumlichen Verortung als zentralen Bestandteilen des kulturellen und sozialen Gedächtnisses im zeitlichen Wandel, der immer mit mehr oder weniger starken gesellschaftlichen und politischen Wechseln und Ausdifferenzierungen verbunden ist.
Hier soll nun der Frage nachgegangen werden, welche fachlichen und wissenschaftsgeschichtliche Wurzeln dieses Konzept hat, das sich als durchaus fruchtbar für die Erfassung der Landschaft als Träger geschichtlicher Überlieferung erweist.
Traditionelle Kulturgeographie unter dem Landschaftsparadigma
Die Sichtweise von Landschaft als Speicher kulturellen Wandels, der sich in ihr in jeweils neuen Formen ausdrückt, ohne dabei die älteren Formen vollständig zu beseitigen, ist ein Konzept der (deutschen) Kulturgeographie seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie hatte sich dabei gegen ein älteres Paradigma durchzusetzen, das des Geodeterminismus, wonach die Gestaltung des Raumes durch den Menschen letztlich Ausfluss naturräumlicher Grundbedingungen sei, über die sich der Mensch kaum hinwegsetzen könne. Pauschalisierende disziplingeschichtliche Darstellungen stellen Friedrich Ratzel bis heute als den wichtigsten Vertreter dieser Denkrichtung hin.4 Dabei war er es, der in seiner „Anthropogeographie“ von 18825 die bis dahin in ihrer Bedeutung hinter dem naturwissenschaftlichen Zweig des Faches zurückgebliebene Kulturgeographie emanzipierte und die Bedeutung der menschlichen Inwertsetzung des Bodens im Rahmen des Mensch/Natur-Paradigmas feststellte.6 Der Geodeterminismus in der Geographie beginnt wohl schon mit Carl Ritter (1779-1859), der auf Ideen Herders zurückgreift. Auf die Wirkungen der geodeterministisch ausgerichteten Anthropogeographie mit ihren biologistischen Begrifflichkeiten und Analogien bis hin zur Geopolitik des Nationalsozialismus braucht an dieser Stelle nicht eingegangen werden.
4 So zum Beispiel im lehrbuchartigen Überblick der Geschichte der Sozialgeographie bei (Maier, Jörg/Paesler, Reinhard/Ruppert, Karl/Schaffer, Franz: Sozialgeographie, 1. Aufl. Braunschweig 1977, S. 12), (Heineberg, Heinz: Einführung in die Anthropogeographie, Humangeographie, Paderborn 2003 (= UTB Geowissenschaften 2445, S. 22) oder aber (Werlen, Benno: Sozialgeographie. Eine Einführung, Bern 2008 (= UTB Geographie, Sozialwissenschaften 1911, S. 87). In differenzierterer Sichtweise kann die Haltung Ratzels als der „erste Ausbruch aus der deterministischen Interpretation … in Richtung auf einen Possibilismus“ gesehen werden, vgl. (Lichtenberger, Elisabeth: Die Entwicklung der Geographie als Wissenschaft im Spiegel der Institutionspolitik und Biographieforschung. Vom Großstaat der k.u.k. Monarchie zum Kleinstaat der Zweiten Republik., In: Mensch, Raum, Umwelt. Entwicklungen und Perspektiven der Geographie in Österreich, hrsg. v. Robert Musil/ Christian Staudacher, 2009, S. 13–51; hier S. 16).
5 Ratzel, Friedrich: Anthropo-Geographie oder Grundzüge der Anwendung der Erdkunde auf die Geschichte, Stuttgart 1882.
6 Birkenhauer, Josef: Traditionslinien und Denkfiguren. Zur Ideengeschichte der sogenannten klassischen Geographie in Deutschland, Stuttgart 2001, S. 54.
7 Schlüter, Otto: Die Ziele der Geographie des Menschen, München 1906.
Mit Otto Schlüter beginnt um 1906 die physiognomische oder morphologische Betrachtungsweise in der Geographie, die sich den sinnlich wahrnehmbaren, vom Menschen auf der Erdoberfläche geschaffenen Objekten und Strukturen zuwendet. Damit verbunden ist zugleich der historisch-genetische Ansatz, der das vorhandene Formenbild aus der historischen Entwicklung erklären will.7
Damit entstand ein methodologischer Streit, der Jahrzehnte anhalten sollte, und die Frage zu beantworten suchte, ob die Geographie sich diesen Erscheinungen oder doch eher den hinter ihnen oder auch von ihnen unabhängigen stehenden räumlichen Zusammenhängen widmen sollte, ob sie also Objektwissenschaft oder Wissenschaft räumlicher Funktionen und Beziehungen sein wollte. Dieser Streit wurde spätesten um 1970 gegen die Objektwissenschaft zugunsten eines sich immer stärker aufsplitternden Faches entschieden, dessen Gegenstand der abstrakte Raum in seinen Funktionen sein sollte und das sich dann auf den Weg von der Raum- zur Gesellschaftswissenschaft machte.
Doch zurück zum morphogenetischen Ansatz des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sein Ziel war die Beschreibung und Erklärung des Landschaftsbildes mit seinen Einzelstrukturen wie Siedlungen, Verkehrswegen und Nutzungsarten. Dabei war aber klar, dass die gestaltenden Faktoren nicht etwa „…die physischen Erdkräfte“ waren, „vielmehr sind es die Handlungen, Beweggründe und Zwecke der Menschen.“8 Ziel für Schlüter war die Erarbeitung einer „Kulturlandschaftsformenkunde“, zu welcher er selber einen bedeutsamen Beitrag für die ländlichen Siedlungen geleistet hatte.9 Allerdings musste er noch 1928 hoffen: „Vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, wo neben der Geomorphologie, neben der geographischen Betrachtung der Naturlandschaft, eine Morphologie der Kulturlandschaft als gleichberechtigtes Seitenstück steht.“ Die Aufgabe einer solchen Kulturgeographie war für ihn die Erforschung der „sichtbaren Spuren des Menschen an der Erdoberfläche“,10 wenngleich der Begriff der Spur hier in einem umgangssprachlichen Sinne des hinterlassenen Fußabdrucks Verwendung findet. Schlüters Hoffnung blieb keineswegs vergebens, denn von den 20er Jahren bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein sollte sein Ansatz das führende Paradigma der Kulturgeographie bleiben. Schwerpunkt war allerdings die Kulturlandschaft des ländlichen Siedlungsraumes, aber auch schon in den 20er Jahren erschienen Arbeiten, die den morphologischen Ansatz auf die Stadt übertrugen.11 Während Schlüter seinen Schwerpunkt auf die Analyse der Einzelformen legte, forderte Otto Maull zur gleichen Zeit schon eine synthetische Gesamtschau, eine auf die Herausarbeitung einheitlicher Räume gerichtete „Geographie der Kulturlandschaft.“ Zudem wollte er das Augenmerk der Forschung in gleichem Maß auf die „Kräfte“ wie die „Formen“ gerichtet wissen.12 Er betonte die Bedeutung des Faktors Zeit und empfahl die Anwendung der Querschnittsmethode zur Rekonstruktion des historischen und zur Analyse des heutigen Kulturlandschaftsbildes, wenn „man zu sicheren Ergebnissen kommen und nicht nur an der Kulturlandschaft geographisch herumrätseln“ wolle.13 An diesem Erklärungsmodell sollte später dann die schwere Kritik einsetzen, denn die „Kräfte“ seien nur „vage Abstraktionen“14 und würden den Blick auf den Menschen einschränken, dessen Bild dabei nur vom Ergebnis, vom „Niederschlag“ in der Kulturlandschaft geprägt sei. Diese „Kräfte“ seien von zahlreichen Autoren lediglich als „façon de parler“ verwendet worden, bei manchen hätte sich diese gar zu einer „handfesten Kräftemytholgie“ ausgewachsen.15
8 Schlüter, Otto: Die analytische Geographie der Kulturlandschaft. Erläutert am Beispiel der Brücken., In: Zeitschr. d. Ges. f. Erdkunde zu Berlin, Sonderband z. Hundertjahrfeier der Gesellschaft, 1928, S. 388–411; hier S. 391/392.
9 Schlüter, Otto: Die Siedelungen im nordöstlichen Thüringen : ein Beispiel für die Behandlung siedelungsgeographischer Fragen, Berlin 1903.
10 Schlüter, Die analytische Geographie der Kulturlandschaft. Erläutert am Beispiel der Brücken. (wie Anm. 8), S. 391/392.
11 Geisler, Walter: Die deutsche Stadt. Ein Beitrag zur Morphologie der Kulturlandschaft, Stuttgart 1924 (= Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde 22,5.
12 Maull, Otto: Geographie der Kulturlandschaft, Berlin Leipzig 1932 (= Sammlung Göschen 1055, S. 13.
13 Maull, Otto: Zur Geographie der Kulturlandschaft., In: Freie. Wege vergleichender Erdkunde. Erich von Drygalski zum 60. Geburtstag, München 1925, S. 11–24; hier S. 14.
14 Hard, Gerhard: Die Geographie. Eine wissenschaftstheoretische Einführung, Berlin New York 1973 (= Sammlung Göschen 9001, S. 163.
15 Ebd., S. 171.
16 So beispielsweise (Richardson, Bonham C.: Igniting the Caribbean’s past. Fire in British West Indian history, Chapel Hill 2004, S. 260). Es gibt alleine drei Anthologien mit seinen Beiträgen, die letzte erschien erst 2009, (Sauer, Carl Ortwin: Carl Sauer on culture and landscape. Readings and commentaries, hrsg. v. William M. Denevanb/ Kent Mathewson, Baton Rouge 2009), die früheste noch zu Lebzeiten 1963, vgl. (Sauer, Carl Ortwin: Land and Life a Selection from the Writings of Carl Ortwin Sauer, hrsg. v. John Leighly, Berkeley Los Angeles 1963, S. 452). Kein anderer amerikanischer Geograph wurde „so thouroughly dissected and analyzed as Carl Sauer (Robert Hoffpauir 2000),“ vgl. (Sauer, Carl Sauer on culture and landscape (wie Anm. 16), S. 1).
Bevor aber die weitere Entwicklung der deutschen Kulturlandschaftsgeographie, ihr Ende und ihre Transformation in andere Fächer, darunter die Denkmalpflege, beleuchtet wird, sei ein Blick über den Zaun gestattet, der durchaus Aufschluss über deutsche Befindlichkeiten geben kann. Von der deutschen ulturlandschaftsforschung bis hin zur Terminologie beeinflusst, jedoch weniger mit dem Ballast der national-konservativen und vielleicht manchmal schon völkischen Gedankengänge belastet, verfasste 1925 der amerikanische Geograph Carl Ortwin Sauer (1889-1975) einen programmatischen Aufsatz mit dem Titel „The Morphology of Landscape“. Er kann heute problemlos als der einflussreichste amerikanische Geograph des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden,16 während seine deutschen Vordenker und Zeitgenossen aus welchen Gründen auch immer aus dem Gedächtnis des fachlichen Mainstreams verschwunden sind.
Kulturlandschaft definierte er ähnlich umfassend und offen, wie dies Otto Schlüter und Otto Maull taten. Die diffusen „Kräfte“ der frühen deutschen Kulturlandschaftsgeographie ersetzte er durch die „Kultur“: „Culture is the agent, the natural area is the medium, the cultural landscape the result.“ Kultur ist bei ihm allerdings kaum mehr als ein gemeinsamer Satz von Fähigkeiten einer speziellen menschlichen Gruppe, der zur Erfüllung von Basisbedürfnissen eingesetzt wird, und der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Der Faktor Zeit sorgt auch bei ihm für den dauernden Wandel, allerdings akzentuiert er die Brüche in der Landschaftsentwicklung aus dem amerikanischen Blickwinkel heraus deutlicher. „With the introduction of a different – that is, an alien – culture, a rejuventation of the cultural landscape sets in, or a new landscape is superimposed on the remnants of an older one.“17 Diese remnants, also die Überreste sind es, die Sauers Interpreten, davon sprechen lassen, er habe die Landschaft als Palimpsest gesehen, obwohl diese Methapher in seinen Schriften keine hervorgehobene Rolle spielt. In aktuellen Lehrbüchern der englischsprachigen Geographie jedenfalls wird die Kulturlandschaftsforschung Sauerscher Prägung fast immer in diesen Zusammenhang gestellt.18 Auch ihm und seiner Schule wurde vorgeworfen, sich weniger „with the inner workings of culture than with the outcome of culture“ zu befassen19 womit wir wieder bei einem der Kritikpunkte an der deutschsprachigen Kulturlandschaftsforschung wären.
17 Sauer, Land and Life a Selection from the Writings of Carl Ortwin Sauer (wie Anm. 16), S. 343.
18 So bei (Crang, Mike: Cultural geography, London 1999, S. 22/23) oder (Matthews, John A./Herbert, David T.: Geography. A very short introduction., Oxford. 2008, S. 202; hier S. 66).
19 Genau mit diesen inner workings will sich die new cultural geography_ befassen, vgl. (Matthews/Herbert, Geography. A very short introduction. (wie Anm. 18), S. 66).
20 Schwind, Martin: Kulturlandschaft als objektivierter Geist, In: Deutsche Geographische Blätter, 46 (1951), S. 5–28; hier S. 8.
21 Schmithüsen, Josef: Der geistige Gehalt in der Kulturlandschaft, In: Berichte zur deutschen Landeskunde, 12/2 (1954), S. 185–188; hier S. 186/187.
Zwar gab es auch in der deutschen Kulturgeographie Versuche, diese inner workings näher zu fassen, aber sie blieben stark im subjektiven Bereich. So interpretierte Martin Schwind die Kulturlandschaft als „objektivierten Geist“ und schrieb ihr einen Sinngehalt und Ausdruckswert zu, der ihr von „den Schaffenden hineingelegt“ wurde. Seine Auflistung dessen, wie dieses Hineinlegen geschehen könne, bleibt großteils auch im Ungefähren: Durch die Initiative eines Einzelmenschen, durch die Initiative einer Gruppe, durch Massenhandlung, durch staatlichen Machtanspruch, durch bewusste Nachahmung, durch Tradition, durch Zufall etc.20 In ähnlicher Weise postulierte Schmithüsen das „Geistige“ in der Kulturlandschaft, das sich im Stil, „der geistigen Haltung und den Lebensgefühl der in der Landschaft lebenden Gesellschaft“ manifestiere und keineswegs von Zweck, Funktion und technischen Möglichkeiten bestimmt sein müsse. Als Einflussfaktoren nennt er beispielsweise „Raumgefühl, Ordnungssinn, Formen- und Farbensinn, Nüchternheit oder Schmuckfreude, Temperament, Naturempfinden oder Naturerkenntnis, technisches Denken, Wirtschaftsgesinnung, Arbeitsgeist und Arbeitsfreude, Rechts- und Sozialideen, Gemeinschaftssinn oder Individualismus, bäuerlicher oder bürgerlicher, kapitalistischer oder kollektivistischer Geist oder religiöse Ideen und Weltbilder.“21 Dieser Geist ließ sich allerdings in den zahlreichen Regionalstudien der 1950er und 1960er-Jahr allenfalls ansatzweise operationalisieren und in seiner landschaftlichen Prägung darstellen.
Kritk am Landschaftsparadigma
Um 1970 geriet das Paradigma Landschaft in der Geographie dann von vielen Seiten unter Beschuss. Der intellektuell anspruchsvollste, schärfste und pointierteste Kritiker innerhalb des Faches, Gerhard Hard, versäumte jedoch nicht, darauf hinzuweisen, dass die hergebrachte „Kulturlandschaftskunde“, wie er sie – wohl um das Wort „Forschung“ zu vermeiden – nannte, durchaus „bedeutsame und bewunderungswürdige“ Züge aufwies, die er an anderer Stelle im Fach vermisste, nämlich die „Kongruenz von Praxis und Methodologie“, was für ihn ein Ausweis von „Klassizität“ war.22 Zudem sah er sie gut verwurzelt in einer spezifisch deutschen Ideengeschichte des Bildungsbürgertums mit seinen Rückgriffen auf Klassik und Klassizismus, Historismus und Landschaftsmalerei. In diesem Zusammemhang unterstellte er ihr ein sublimes Interesse an der Rekonstruktion antiker und national bedeutsamer Kulturlandschaften und damit an der Rekonstruktion Arkadiens. Für ihre Blütezeit zwischen 1920 und 1940 konstatierte er eine geradezu „einzigartige Konformität“ mit dem wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Zeitgeist und damit ein Prestige, das die Geographie danach nicht nur bis 1970, sondern auch bis heute nicht mehr erreichen konnte.23 Obwohl implizit schon früher mitgedacht, scheint Hard in der deutschsprachigen Geographie der erste zu sein, der explizit die Palimpsest-Metapher für die Kulturlandschaftsforschung in Anspruch nimmt, weil sich einigermaßen eigne, „das historische Werden und die morphogenetische Betrachtung der Kulturlandschaft, besonders aber die ‚schichtweise’ Rekonstruktion der Kulturlandschaftsgeschichte zu illustrieren…“24
22 Hard, Die Geographie (wie Anm. 14), S. 177 u. 158.
23 Ebd., S. 158.
24 Ebd., S. 163/164.
25 Ebd., S. 163–166.
26 Ebd.
Kritisch wirft er ihr vor, dass die „landschaftlichen Zeugen (‚Relikte’, ‚Survivals’)“ – an anderer Stelle nennt er sie „Überlebsel“ – nur einen relativ willkürlichen und zudem fragmentarischen Ausschnitt aus den möglichen geschichtlichen Zeugen bilden. Diese Kritik trifft damit auch den Begriff der Spur, die ja ebenfalls unter dem Aspekt des Zufälligen zu sehen ist. Für die Denkmalpflege stellt dies keine Einschränkung dar, da sie von vorneherein auf die immer nur in einer Auswahl überlebenden Zeugen eingestellt ist, wohl aber für eine Kulturlandschaftsforschung, die eine Erklärung gesamthafter Landschaftsauschnitte zum Ziel hat. Schwerer wiegt sein Vorwurf an die gesamte Landschaftsgeographie, dass sie forschungslogisch sich lediglich auf ein primärsprachliches Wort stütze, das eben nur eine im Wesentlichen vorwissenschaftliche Klassenbildung von Phänomenen verkörpere. Dem Menschen bliebe gegenüber der „Einheit“ oder „Ganzheit“ der Landschaft nur eine untergeordnete Rolle, die sich auch in der oben bereits erwähnten diffusen Rolle der landschaftsgestaltenden Kräfte wiederspiegele.25 Dennoch hat Gerhard Hard als erster avant la lettre und unbeabsichtigt auf das hingewiesen, was uns hier zusammenführt: Dass man nämlich auch die Kulturlandschaft „als ein Antiquarium und Museum historischer Denkmale betrachten und die deutsche Kulturlandschaft etwa als ‚ein Zeugnis der (Kultur- und Kunst-)Geschichte’“ interpretieren könne.26
Mit der Postmoderne wurde auch Kritik an der Palimpsest-Methapher laut. Dennis Cosgrove war es, der feststellte, dass ein Palimpsest sich doch mit den geeigneten Methoden bis eine „reale“ oder „authentische“, jedenfalls endliche Bedeutung entschlüsseln ließe, während die Landschaft ein Text sei, der kreeiert, gelesen, geändert und gelöscht werden könne, eben weil im eigentlichen Sinne Landschaft ein Konstrukt sei.27
27 Cosgrove, Denis/Daniels, Stephen: Introduction: iconography and landscape, In: The iconography of landscape: essays on the symbolic representation, design and use of past environments, hrsg. v. Denis Cosgrove/ Stephen Daniels, Cambridge 1989 (= Cambridge studies in historical geography 9, S. 8.
28 Crawford, OGS: Archaeology in the Field, London 1953, S. 51/52.
29 So Allan Pred in einer Besprechung des Werks von James Duncan, The City as Text von 1990, zit. nach (Mathewson, Kent: Carl Sauer and His Critics, In: Carl Sauer on culture and landscape. Readings and commentaries, hrsg. v. William M. Denevanb/ Kent Mathewson, Baton Rouge 2009, S. 9–28; hier S. 14), dort weitere kritische Ansätze mit bibliographischen Nachweisen.
Dagegen eher von theoretischen Überlegungen unberührt, mit Bezug auf die MittelalterGeschichte und die Kulturgeographie arbeitete auch die englische „landscape archeology“ mit die Palimpsest-Metapher und zwar in einer sehr frühen Äußerung.28 In diesem Fach ist dies aufgrund der im übertragenen Sinn vergleichbaren Arbeitsweisen des Freilegens und Durchleuchtens auch am ehesten zu erwarten. Nicht nur Hard’s Kritik führte dazu, dass sich der Mainstream der Geographie vom klassischen Konzept Landschaft abwandte. Die Kulturwissenschaften, insbesondere die Geschichtswissenschaft, wurden als einflussreichste Nachbardisziplinen von den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften abgelöst, die quantitative Revolution machte qualitatives Denken obsolet. Ähnlicher Kritik sahen sich auch die Sauerianer im englischsprachigen Raum ausgesetzt: „No more avowedly atheoretical undertakings. No more innocent reading of the superficial and the artefactual. No more satisfied, naı̈ve claims that what you see is what you have. …No more denial of the social processes an power relations with which built landscapes are inescapably interwoven.“29
Das Konzept der Kulturlandschaft wird in neueren Lehrbüchern der Kulturgeographie allenfalls als historisches erwähnt, eine Tragfähigkeit für aktuelle Fragestellungen wird ihm abgesprochen. Allenfalls verschämt tauchen Hinweise auf, dass bestimmte Ansätze doch produktiv für aktuelle Forschungsrichtungen sein könnten, wenn etwa Heinz Heineberg auf die Bedeutung der Stadtmorphologie für die aktuelle interdisziplinäre Stadtforschung hinweist.30
30 Im Lehrbuch von (Heineberg, Einführung in die Anthropogeographie, Humangeographie (wie Anm. 4), S. 25). Verschwiegen wird in diesem Zusammenhang, dass sich über die Vermittlung deutscher kulturlandschaftlicher Ansätze der Stadtforschung durch M.R.G Conzen ein internationaler Forschungszweig der Urban Morphology herausgebildet hat, den in Deutschland kaum mehr Geographen, sondern eher Stadthistoriker und Urbanisten befruchten. Eine Auswahl wichtiger Schriften Conzens bietet (Conzen, M. R. G.: The urban landscape. Historical development and management. Papers by M. R. G. Conzen., hrsg. v. J. W. R. Whitehand, London 1981 (= Special Publication. Institute of British Geographers 13)).
Übernahme des Landschaftsparadigmas in Nachbardisziplinen
Etwa in dem Zeitraum, in dem die traditionelle Kulturlandschaftsforschung in der Geographie in den Hintergrund gedrängt wurde, erwachte in Nachbardisziplinen das Interesse an der Kulturlandschaft. Der unbeschwerte und von Theoriegebäuden kaum belastete Umgang in angewandten Fächern wie der Landschaftsarchitektur, der Landschaftsplanung und der Landschaftspflege kann hier außen vor gelassen werden. Für die Denkmalpflege steht hier Tilmann Breuer, der bei seinen Überlegungen zur Denkmallandschaft durchaus die klassischen geographischen Konzepte der Kulturlandschaft beachtet und beispielsweise bei der Abgrenzung seiner Denkmallandschaften sich von der Grenzgürtelmethode Otto Maulls31 anregen ließ, aber auch andere Grundthesen der traditionellen geographischen Kulturlandschaftsforschung rezipierte. Darauf und auf weitere Indizien eines Einflusses dieser innerhalb der Geographie verpönten Forschungsrichtung innerhalb der Denkmalpflege soll jetzt nicht weiter eingegangen werden, dagegen ähnliche Zusammenhänge in einem weiterem Rahmen angesprochen werden. In den Kulturwissenschaften ist allgemein trotz der Rede vom „Ende der Geographie“ und vom „Verschwinden des Raumes“ eine Renaissance der Beachtung räumlicher Bezüge des jeweils eigenen Forschungsgegenstandes festzustellen, so dass die Rede vom spatial turn wohl durchaus erlaubt ist.32 Oft ist allerdings der spatial oder topographical turn nur eine Transformationsebene, die argumentativ wieder auf den entscheidenden, den linguistic turn zurückgeführt werden muss, so in den Kulturwissenschaften: „Der Raum ist hier nicht mehr Ursache oder Grund, von der oder dem die Ereignisse oder ihre Erzählung Ausgang nehmen, er wird selbst vielmehr als eine Art Text betrachtet, dessen Zeichen oder Spuren semiotisch, grammatologisch oder archäologisch zu entziffern sind.“33 Ein Ansatz also, der ohne postmodern-theoretisierenden Überbau von der traditionellen Kulturlandschaftsforschung im Grundsatz immer gepflegt wurde. Am stärksten popularisiert hat Karl Schlögel den spatial turn in der Geschichtswissenschaft, mit dem Titel seines Sammelwerkes eigener Beiträge „Im Raume lesen wir die Zeit“ greift er ausgerechnet ein Zitat Friedrich Ratzels auf.34 Mit seinen Ansätzen Karten, Städte und Landschaften zu lesen würde man sich als Geograph innerfachlich höchsten Vorwürfen einer Pseudowissenschaftlichkeit aussetzen, gegen die die übliche Ablehnung der klassischen Landschaftsgeographie noch harmlos ist.35 Er propagiert das Sehen lernen, die Augenarbeit, die Anschauung;36 längst als unwissenschaftlich abqualifizierte Methoden der Kulturlandschaftsforschung. Die Abnutzungsspuren des Pflasters verschiedener Städte sind bei ihm die „Gravierung der longue durée“. Im Zusammenhang mit einem knappen Blick auf die Landschaft macht er die Historiker zu „Experten für kulturelle Formen, Morphologien, Kulturmorphologen. Sie interessieren sich für Oberflächen und sind daher, wenn sie den wesentlichen Prozessen auf die Spur kommen wollen, gute Phänomenologen und Physiognomiker. Sie lesen Landschaften wie Texte und tragen Schicht für Schicht ab, wie in einem Palimpsest.“37 Geographen beklagen heute, dass eine breite Hinwendung zum räumlichen Denken in sozialwissenschaftlichen Fächern zu beobachten sei; dort aber Aspekte „erfunden“ werden, deren Problematik innerhalb der Geographie schon längst aufgezeigt worden sei.38 Dieses „Schlögel-Bashing“ durch die Geographen, wie es Jörg Döring und Tristan Thielmann formulieren,39 ist aber nicht nur von Seiten der aktuellen Neuen Kulturgeographie verständlich, denen die Ansätze und Methoden der ihrer Ansicht nach vorwissenschaftlichen traditionellen Kulturlandschaftsforschung durch den Historiker als fruchtbar vorgehalten, während die aktuellen weitgehend ignoriert werden. Gerade auch von den wenigen Vertretern der Geographie, die diese Forschungsrichtung heute noch weiterführen, müssen betroffen sein, denn mit ihren Ansätzen geht Schlögel mehr als beliebig um, ebensowenig wie er zutreffend gewichtete Nachweise zur Tradition der Kulturlandschaftsforschung führt.
31 Maull, Otto: Die Grenzgürtelmethode (orig. 1936), In: Das Wesen der Landschaft, hrsg. v. Karlheinz Paffen, Darmstadt 1973, S. 425–432.
32 Spatial Turn (wie Anm. 1), S. 14.
33 Weigel, Sigrid: Zum ’topographical turn’. Kartographie, Topographie und Raumkonzepte in den Kulturwissenschaften, In: KulturPoetik, 2/2 (2002), S. 151–165; hier S. 160.
34 Schlögel, Karl: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, Frankfurt 2006.
35 Spatial Turn (wie Anm. 1), S. 22. haben zeigen können, dass sich Schlögel das Zitat, das er im Übrigen nicht nachweist, wohl „zurechtgebogen“ hat, denn bei Ratzel heißt es im Original weniger eingängig „Wir lesen im Raum die Zeit“, vgl. (Ratzel, Friedrich: Geschichte, Völkerkunde und historische Perspektive, 93 (1903), S. 1–46; hier S. 28).
36 Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit (wie Anm. 34), S. 273, 269.
37 Ebd., S. 285.
38 Werlen, Benno: Vorwort: Geographie als kritische Wissenschaft, In: Landschaft und Gesellschaft. Räumliches Denken im Visier, Fünfter Bd. Münster 2009 (= Raumproduktionen. Theorie und gesellschaftliche Praxis, S. 10–14; hier S. 14.
39 Spatial Turn (wie Anm. 1), S. 22.
40 Die entsprechend ausgerichteten Ansätze finden sich vor allem in den beiden Zeitschriften „Siedlungsforschung“ und „Kulturlandschaft, Zeitschrift für Angewandte Historische Geographie“. Ein jüngerer Gesamtüberblick findet sich in (Denzer, Vera/Hasse, Jürgen/Kleefeld, Klaus-Dieter/Recker, Udo: Kulturlandschaft – Wahrnehmung– Inventarisation – regionale Beispiele, Wiesbaden 2005 (= Kulturlandschaft. Zeitschrift für Angewandte Historische Geographie 14)).
Spur und Palimpsest sind durchaus Denkfiguren der klassischen Kulturlandschaftsforschung, ohne zu deren Blütezeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts explizit als methodischer Ansatz benannt zu werden. Sie leiteten aber implizit die Herangehensweisen an den materiellen, physignomischen wahrnehmbaren Bestand an Elementen auf der Erdoberfläche und die Gliederung dieses Bestandes in Zeitschichten. Die Spuren und Zeitschichten aber als Elemente des Erinnerns und als bewahrenswerte Zeugnisse der Geschichte zu betrachten, lag nicht in ihrem Fokus. Dies sollte erst einer aus ihren Trümmern entstandenen angewandten Historischen Geographie vorbehalten bleiben, die im Austausch mit raumbezogen denkenden Denkmalpflegern auch landschaftliche Zeugnisse der Geschichte in den Denkmalbegriff einzugliedern suchte.40
Literatur
Zitat
@online{gunzelmann2010,
author = {Gunzelmann, Thomas},
title = {Kommentar: Schichten, Spuren, Palimpsest – traditionelle
Kulturlandschaftsforschung und raumbezogene Denkmalpflege},
date = {2010-04-09},
url = {https://thomas-gunzelmann.net/themen/hellerau/hellerau.html},
langid = {de-DE}
}